Ein Erinnerungskonflikt? Der Warschauer Aufstand 1944 und der Aufstand im Warschauer Ghetto 1943 in der deutschen und polnischen Erinnerungskultur

Schon während meines ERASMUS-Studiums in der polnischen Hauptstadt Warschau hat mich vor allem die Geschichte der Stadt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts interessiert. Mehr als ein Jahrhundert war der polnische Karte von der europäischen Karte verschwunden. Aufgeteilt zwischen den europäischen Mächten Preußen bzw. ab 1871 Deutsches Reich, Habsburger Österreich und dem russischen Kaiserreich, lag Warschau bis 1917/18 in der russischen Einflusssphäre. Der polnische Staat erhielt erst nach schweren Kriegen an der Ostfront 1920 die vollständige Unabhängigkeit. Diese sollte aber nu bis Ende September 1939 bleiben, bevor Nazi-Deutschland mit seinen Wehrmachtstruppen den Nachbarn heimtückisch angriff.

In der Folge der brutalen, rassistischen und demütigenden Besatzung zerstören Hitlers Schergen nicht nur über hundert polnische Dörfer und Städtchen, sondern im Zuge des Warschauer Aufstandes 1944, nur wenige Tage vor Einzug der sowjetischen Truppen, die komplette Stadt. Und nicht nur die Zerstörung hinterließ Narben im kollektiven Gedächtnis. Auch die Massenvergewaltigungen, die wahllosen Massaker und die gesamte Demütigung bestimmen bis heute die kollektive Erinnerung der polnischen Gesellschaft.

Doch die Besatzungszeit Warschaus kann nie ohne das jüdische Leid gedacht werden. Unter den über sechs Millionen jüdischen Opfern befinden sich drei Millionen mit polnischen Wurzeln – und das deutsche Vernichtungslager Ausschwitz-Birkenau ist die kollektive Erinnerung der Menschheit als bis dato grausamste systematische Töten von Menschen eingegangen. Das bis dato größte jüdische Ghetto in Warschau zerstörten die Nazis 1943 nachdem die restlichen Juden in einem aussichtslosen Aufstand ein letztes Stück würde zurück erkämpften wollten. Als Vergeltung deportieren die Nazis alle Juden, zerstörten das Ghetto und jagten die restlichen Juden und Jüdinnen umso erbamungsloser.

Beide schweren Schicksale der Stadt Warschau stehen bisweilen überlappend, verwechselnd oder kontrastierend im deutsch-polnischen Erinnerungsbild.

An diese schwere Thematik traute ich mich im Beitrag “Ein Erinnerungskonflikt? Der Warschauer Aufstand 1944 und der Aufstand im Warschauer Ghetto 1943 in der deutschen und polnischen Erinnerungskultur” in der Publikation “Jenseits der Jubiläen Geschichtspolitik im deutsch-polnischen Alltag” des Büro Warschau der Friedrich-Ebert-Stiftung heran.

Das Thema ist nicht nur wichtig für die deutsch-polnischen Beziehungen, sondern insgesamt für Europa und darüber hinaus auch für die Versöhnung mit der jüdischen Gemeinschaft. Meine Nachkriegsgeneration muss weiter daran arbeiten, dass wir dazu in Dialog stehen und alles dafür tun, das so etwas nie wieder geschehen kann!